Zurück

Die Lebersche Optikusatrophie: Wenn die Bildmitte verschwindet

Erschienen in "DER WEG" 2/94

Die Lebersche Optikusatrophie (LHON) ist eine Erkrankung des Sehnervs, die zu einem Verlust des zentralen Sehfeldes führt. Veränderte Erbanlagen sind für die Erkrankung mitverantwortlich . Sehbehinderte sowie Erbträger und Angehörige haben sich in einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen. Sie ist eine Kommission des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (SBV).

Am 30. Oktober 1993 trafen sich 13 Betroffene und Angehörige der Leberschen Optikusatrophie zu ihrem zweiten Treffen in Langenthal. Zwei Augenärztinnen der augenärztlichen Klinik in Tübingen, die sich seit mehreren Jahren mit dieser Erkrankung befassen, informierten die Anwesenden auf anschauliche Weise in einem Vortrag und anschliessenden Gesprächen. Damit ist auch das Ziel der Selbsthilfegruppe erklärt: Die Betroffenen sollen möglichst direkt aus dem Fortschritt in den Forschungsarbeiten praktischen Nutzen ziehen und ausführlich über die Krankheit informiert werden, damit Unsicherheiten abgebaut werden können.

Den Namen erhielt diese Erkrankung von ihrem Erstbeschreiber, dem Augenarzt Dr. Theodor Leber (1840 - 1917). Sie wird als Sehnervschwund oder Neuropathie des Sehnerven beschrieben. Die Krankheit trifft vor allem bei Männern, in seltenen Fällen auch bei Frauen, hauptsächlich zwischen dem 16. und 40. Lebensjahr. Die akute Erkrankung äussert sich in den meisten Fällen erst bei einem Auge in einem zunehmenden Verlust des zentralen Sehvermögens (Zentralskotom) und Wochen bis Monate später auch beim zweiten Auge auf gleiche Weise. Der Ausfall des Sehzentrums hat für die Betroffenen zur Folge, dass ihnen das Erkennen von Details und das Lesen Mühe bereiten.
Der Augenarzt sieht im Augenhintergrund, dass an der Austrittsstelle des Sehnervs die sonst runde Scheibe des Sehnervenkopfes (Papille), Einbuchtungen und Unschärfen des Randes aufweist. Ebenso sind zweierlei Gefässveränderungen feststellbar: kleine und grosse Gefässe weisen einen gewundenen Verlauf auf. Kleine Gefässe zeigen unterschiedliche Veränderungen des Durchmesser oder sind abrupt verengt, wie abgebrochen. Im Verlauf der Erkrankung nimmt der zentrale Sehfeldausfall an beiden Augen zu und die Papille, die Scheibe im Augenhintergrund, wird blass. Die Blässe der Papille nimmt mit dem Fortschreiten der Sehbehinderung zu. Das Mass der Blässe entspricht nicht in jedem Fall dem Grad des Sehfeldausfalls.

Welche Ursachen hat diese Erkrankung?
Jede Körperzelle besteht aus einem Zellkern, der 46 Chromosomen mit den Erbanlagen enthält, aus Zellplasma, einer Zellmembran und verschiedenen Zellkörperchen im Zellplasma. Eines dieser Zellkörperchen, das Mitochondrium, hat eine längliche eliptische Form und enthält im Inneren zahlreiche Membranen. Auf diesen Membranen läuft eine Reihe von biochemischen Vorgängen ab. Auf 4 Stufen werden Nahrungsbestandteile oxidiert und in körpereigene Energie umgewandelt, welche die Zelle zum Ueberleben benötigt. Diese Abfolge von biochemischen Vorgängen, die zelleigene Energie produziert, nennt man auch innere Atmung. Fällt die Innere Atmung in jeder Körperzelle aus, so stirbt der Mensch. Dies kann bei einer Vergiftung durch Blausäure (Cyanid) der Fall sein, da dieser Stoff die Innere Atmung und damit die Energieproduktion blockiert.
Bei Patienten mit LHON hat man in Untersuchungen festgestellt, dass die Innere Atmung und damit die Energieproduktion reduziert sind. Man nimmt nun an, dass besonders die Zellen des Sehnervs von dieser Verminderung der Inneren Atmung betroffen sind. In Einzelfällen können sich auch Störungen anderer Organe einstellen, da ja jede Körperzelle von dieser Verminderung der Inneren Atmung betroffen ist. So sind Fälle von Herzmuskel- oder Nervenerkrankungen bekannt. Bei Personen eines Volksstammes in Afrika, die regelmässig die stark blausäurehaltige Pflanze Manjok assen, wiesen die Krankheitssymptome einer Leberschen Optikusatrophie auf. An Versuchstieren, denen über längere Zeit Blausäure verabreicht wurde, stellte sich eine Atrophie (Schwund) des Sehnervs ein.
Das Krankheitsbild einer LHON kann sich auch bei einem Vitamin-B12-Mangel einstellen, weil diese Substanz im Körper mithilft, Blausäure abzubauen. Bei Infektionen der Harnwege mit blausäureproduzierenden Bakterien sind Symptome der LHON in seltenen Fällen auch möglich. Auch bei einem übermässigen Genuss von Tabak und Alkohol kann sich dieselbe Erkrankung des Sehnervs einstellen. Tabakrauch enthält grosse Mengen Cyanid.

Warum ist bei der LHON die Innere Atmung vermindert?
Die Mitochondrien, in denen sich die Innere Atmung befindet, besitzen ein eigenes ringförmiges Chromosom, das zirka 16 000 Erbanlagen enthält. Diese Erbanlagen werden nur von der Frau mit den Mitochondrien in der Eizelle an die Kinder weitervererbt, da der Mann nur einen verschwindend kleinen Bruchteil von Mitochondrien beisteuert. 13 dieser Erbanlagen bilden nun den Code für den Bau der 4 Stufen der Inneren Atmung. Bei einem von der Leberschen Optikusatrophie Betroffenen kann nun eine oder mehrere dieser Erbanlagen verändert sein, d.h. eine Mutation aufweisen, so dass die Innere Atmung fehlerhaft ist. Man unterscheidet vier primäre und 9 sekundäre Mutationen. Die Erbanlage 11778 wurde als erste bei Leber-Patienten entdeckt und kommt auch am häufigsten vor. Sie kommt nie in Verbindung mit sekundären Mutationen vor, wie dies bei anderen primären Mutationen möglich ist. Obwohl man früher diese Mutation mit einem schwereren Krankheitsverlauf in Verbindung brachte, sind gerade in dieser Gruppe einige Fälle mit einer Verbesserung vorgekommen. Da nun nicht jeder Erbträger erkrankt, bildet die Mutation nur einen Teil des Risikos für eine Erkrankung.

Wie kann man eine Mutation feststellen?
Da an einem Lebewesen keine Sehnervenzellen entnommen werden können, ist man auf ein regenerierbares Gewebe ausgewichen. Eine ambulant entnommene Blutprobe wird in einem dafür eingerichteten genetischen Institut auf alle Mutationen hin untersucht. Es können nun 100% aller im Blut vorhandenen Mitochondrien eine Mutation enthalten oder nur ein Teil davon, z.B. 70%. Die genetische Untersuchung sagt also nur etwas über die Anzahl Mutationen in Mitochondrien der Blutzellen, nicht jedoch in anderen Körperzellen aus.

Abbau der Blausäure im Körper
Die Blausäure ist eine hochgiftige, chemische Substanz, die durch Enzyme (Biokatalysatoren) in der Leber abgebaut wird. Eines dieser Enzyme, das Rhodanit, wandelt die Blausäure in eine ungiftige Substanz um, die von der Niere ausgeschieden wird. Bei einem normalen Vitamin-B12-Spiegel im Blut kann die Blausäure auch durch diese Substanz neutralisiert werden. Sinkt nun der Vitamin-B12-Spiegel, so findet die Entgiftungsfunktion auf diesem Wege nicht mehr statt.

Risikofaktoren
Wie schon oben erwähnt, ist die Mutation nur ein Faktor, der die Erkrankung verursacht. In der Klinik hat man festgestellt, dass nur ein Teil der männlichen Erbträger an der Leberschen Optikusatrophie erkrankt. In einigen Fällen war auch einen Zusammenhang zwischen Erkrankung und Tabak- und Alkoholkonsum nachweisbar. Man stellte bei Patienten, welche auf Rauchen und den Alkoholgenuss verzichteten, eine Besserung fest. Eine Wiederaufnahme des Rauchens führte wiederum zu einer Verschlechterung. Nun sind aber nicht alle Patienten Raucher. Bei einigen hat man auch einen Zusammenhang mit einer Stressituation im Zeitraum der Erkrankung gefunden. So führt vermutlich das Zusammentreffen einiger dieser Faktoren (Mutation, Rauchen, Nahrungsmittel, Alkohol, Vitaminmangel, Stress) zu dieser Erkrankung.

Was kann nun der oder die Betroffene tun?
Auf jeden Fall sollte ein Erbträger, ob gesund oder bereits erkrankt, auf jeden Fall das Rauchen - sei es Zigarette, Pfeiffe oder Zigarre - absolut unterlassen. Im Tabakrauch sind hohe Mengen Cyanid vorhanden. Somit sollte auch Passivrauchen möglichst vermieden werden. Auch sollten stark blausäurehaltige Nahrungsmittel wie Bittermandeln, Manjok, Leinsamen, mit Steinen eingemachtes Obst, Kohl usw vermieden werden. Weiter wird den Patienten und Erbträgern empfohlen, Alkohol zu vermeiden, weil damit die Entgiftungsfunktion der Leber zusätzlich belastet wird. Besonders Schnäpse müssen strikte vermieden werden, da sie eine gefährliche Kombination von Alkohol und Blausäure aus Steinen oder Kernen des gebrannten Obstes darstellen.
Die Einnahme von Vitamin B12 ist nur dann sinnvoll, wenn der Spiegel dieses Vitamins im Blut zu tief ist. Eine rein vegetarische Nahrung ohne Milchprodukte ist für den Vitamin B12-Bedarf ungünstig. Eine Therapie mit Vitaminen und einem Eiweissbestandteil ist erst in der Probephase.

Weitere Ziele
Das Ziel unserer Selbsthilfegruppe ist es nun, möglichst viele Personen mit dieser Erkrankung zu erreichen und sie über ihre Sehbehinderung zu informieren. Ich hatte anfangs festgestellt, dass einige Betroffene lange in Ungewissheit über ihre genaue Diagnose und die Art ihrer Erkrankung waren. Der direkte Kontakt zu den Augenärztinnen und -ärzten, zu Forscherinnen und Forschern mit entsprechenden Informationen und Untersuchungen ermöglicht einen raxchen Abbau dieser Unsicherheit. Die Selbsthilfegruppe soll schliesslich auch den Kontakt zu den Fachleuten verbessern und so die Forschung unterstützen. Als wichtigstes Ziel sollte der Erfahrungsaustausch zwischen den Betroffenen, sowohl Erbträger als auch Erkrankten, rege benützt und gefördert werden. Bei Fragen über die Lebersche Optikusatrophie wenden Sie sich bitte an:

S. Schädler, Ahornweg 14, 3400 Burgdorf, 034 22 82 06.


Zurück zur Homepage Selbsthilfegruppe Lebersche Optikusatrophie

Zurück zu Publikationen

Zurück zum Seitenbeginn